geschichten

Der Himmel

Zu einem Einsiedlermönch kam ein Ritter und bat: "Erkläre mir doch, ehrwürdiger Vater, den Unterschied zwischen Himmel und Hölle." Der Mönch antwortete: "So einem Drecksack wie dir erkläre ich gar nichts." Erbost zog der Ritter sein Schwert und brüllte: "Ich schlage dir den Kopf ab, du erbärmlicher Wicht!"
"Das", sagte der Mönch, "ist die Hölle."
Der Ritter hielt inne und wurde nachdenklich. Dann steckte er sein Schwert wieder ein, verbeugte sich und dankte für die Unterweisung.
"Und das", sagte der Mönch, "ist der Himmel".
—gehört von Bert Hellinger—

 

Der Grund

Ein (westlicher) Wissenschaftler fragte einen (östlichen) Mönch, den er ein wenig zum besten halten wollte: "Worauf ruht die Erde?" Der antwortete: "Die Erde ruht auf einem weißen Elefanten."
"Nun gut, aber worauf ruht dann dieser weiße Elefant?"
"Der ruht ebenfalls auf einem weißen Elefanten."
"Und dieser?"
"Dieser ruht auf einem weiteren weißen Elefanten."
"Ja, aber..."
"Ich weiß schon", unterbrach der Mönch, "was du wissen willst: Es sind alles weiße Elefanten. Bis ganz unten!".
—gehört von Alan Watts—

 

Das Märchen

Es war einmal ein Königssohn, der rief, es wäre nun langsam an der Zeit, glücklich und zufrieden bis ans Ende seiner Tage zu leben.
Da kam eine Kutsche vorgefahren, darin saß die allerschönste Prinzessin, die sagte: "Genau! Das machen wir. Ich liebe dich und das halbe Königreich meines Vaters gibt's obendrein."
Gesagt, getan. Und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.
—1997—

 

Das Los

Ein frommer Mann betete täglich zu Gott, er möge ihn im Lotto gewinnen lassen. Nach Jahren hörte er beim Gebet plötzlich die donnernde Stimme Gottes, die sagte: "Dann gib mir endlich mal eine Chance und kauf dir ein Los!"
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Die Vorsicht

Einem Bauern lief ein wunderschönes wildes Pferd zu. Da sagten die Nachbarn: "Was für ein Glück." Er aber antwortete: "Wer weiß". Am Tag darauf floh das Pferd aus dem Gatter. Da sagten die Leute: "Was für ein Unglück." Er antwortete. "Wer weiß." Bald schon kam das Pferd zurück und brachte ein zweites mit. Die Nachbarn sagten: "Was für ein Glück." Er: "Wer weiß." Am nächsten Tag wollte sein Sohn eines der Pferde zureiten, fiel herab und brach sich ein Bein. Die Leute sagten: "Was für ein Unglück." "Wer weiß." Tags darauf kamen die Rekrutierer der kaiserlichen Armee und nahmen alle wehrfähigen jungen Männer zum siebenjährigen Dienst mit, nicht aber den Sohn des Bauern...
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Die Falltüre

Ein alter Arzt erzählte folgendes: "Also, ich denke mir das folgendermaßen: wenn die Leute in den Himmel kommen, dann gibt es da so eine Art Einstellungsinterview. Und Petrus fragt nach, wie's denn auf der Erde gewesen sei, ob man zufrieden war, und so. Und er sagt dem Neuankömmling: "Dies ist der Ort, an dem alle zufrieden und glücklich sind. Das weißt du bestimmt schon. Was du nicht weißt, ist, wie wir dafür sorgen, daß es auch so bleibt. Wir nehmen nämlich nur die, die damit schon eine gewisse Erfahrung haben. Diejenigen, die auf der Erde immer gemeckert haben und unzufrieden waren, müssen leider woanders hingehen. Du stehst übrigens genau auf der Falltür.""
—Dr. Paul O.—

 

– Neben den normalen psychiatrischen Fragen zur Orientierung des Patienten (Ort, Zeit, Selbst, Andere) gibt es noch eine systemische Orientierung. Sie betrifft die Position im Generations-System (Kinder / Eltern) und das (psychologische) Geschlecht. Dazu die beiden folgenden Bilder:

Die Treppe

Eine Patientin erzählte folgenden Traum:
"Ich stehe auf einer langen Treppe. Über mir steht meine Mutter. Sie hat viele Kleider übereinander an. Eins nach dem anderen zieht sie sie aus und wirf sie mir lachend zu. Ich mag das Lachen nicht, und nicht, daß sie nach mir mit den Kleidern wirft. Ich möchte da hinaufgehen und endlich auch einmal oben stehen! Ich nehme eines der Kleider und werfe es zurück. Da verschwindet die Mutter, während die leeren Kleider noch eine Weile in der Luft hängen und dann ebenfalls weg sind."
Das Bild: Eine sehr lange Treppe, irgendwo im Freien. Man kann ihre beiden Enden nicht sehen; sie verschwinden im Nebel, oben und unten. Wenn wir geboren werden, erscheinen wir auf einer Stufe dieser Treppe. Wir blicken nach oben und sehen auf der Stufe über uns die Eltern. Sie geben uns, was sie zu geben haben, und wir nehmen es – oder vielleicht auch nicht. Irgendwann sehen wir, dass über den Eltern die Großeltern (und darüber die Urgroßeltern, usw.) stehen, und wir beginnen zu ahnen, dass auch die Eltern nicht vom Himmel gefallen sind. Schließlich werden wir groß und es entsteht der Wunsch, nun auch oben zu stehen. 'Oben' ist, wo die Eltern sind, denken wir und bemühen uns eine Zeit lang, dort hinauf zu steigen. Aber wir stellen fest, dass wir unsere Stufe nicht verlassen können. Wie soll man also oben stehen? Irgendwann bemerken wir, dass wir oben stehen, wenn wir uns auf unserer Stufe einfach um 180 Grad umdrehen. Jetzt erstreckt sich die Treppe unter uns.
Diese Umdrehung kostet aber einen Preis. Unsere Beziehung zu den Eltern ändert sich. Wir schauen sie nicht mehr an wie Kinder, sondern wir schauen mit ihnen in dieselbe Richtung! Manchen gelingt deshalb die Umdrehung nur schwer oder gar nicht. Sie haben vielleicht noch 'ein Hühnchen zu rupfen' mit den Eltern oder machen ihnen Vorwürfe, dass sie nicht genug bekommen hätten oder nicht das Richtige. Oder sie denken, die Eltern kommen ohne sie nicht zurecht (dann sind die Kinder wie die Eltern und die Eltern wie die Kinder). (Das endet dann auch nicht mit dem Tod der Eltern, denn tot ist man in diesem Sinne erst, wenn sich niemand mehr erinnert.)
Irgendwann erscheinen auf der Treppe unsere eigenen Kinder, sehen uns an, werden groß und drehen sich um...
—1996, (vgl. Hellinger: Ordnungen der Liebe)—

Die Wiese

Stellen Sie sich eine große, schöne Wiese vor. Mittendurch läuft ein Bach, der sie in zwei gleiche Teile teilt. Auf der einen Seite des Baches stehen die Männer, auf der anderen Seite die Frauen.
Die kleinen Kinder sind alle bei den Frauen, denn Frauen bringen sie zur Welt. Wenn die Mädchen etwas größer werden – vielleicht vier oder fünf Jahre alt, gehen sie über den Bach, zum Vater und auf die Seite der Männer. Wenn die Jungen groß werden, nach der Pubertät, gehen sie ebenfalls über den Bach, zum Vater und auf die Seite der Männer, und sie bleiben da. Die Mädchen wechseln, wenn sie zur Frau werden, noch einmal die Seite und gehen zurück zur Mutter und auf die Seite der Frauen. Der Junge wird zum Mann bei den Männern, das Mädchen zur Frau bei den Frauen.
Manche versäumen, vergessen oder verweigern den Übergang: die Mädchen bleiben bei den Männern, die Jungen bei den Frauen. Die Jungen verachten, bedauern oder bekämpfen die Männer auf der anderen Seite, und die Mädchen die Frauen. 'Mit denen da habe ich nichts zu tun', sagen sie.
Wenn die Zeit kommt, schauen die jungen Frauen und Männer sich über den Bach hinweg an, treten vor und reichen sich über den Bach die Hand zum Bund. Hinter den jungen Männern stehen die Männer und der Vater, hinter den jungen Frauen die Frauen und die Mutter. Daher kommt ihre Kraft.
Auch die Jungen und Mädchen schauen sich so an und treten vor, aber hinter den Jungen stehen die Frauen und die Mutter und hinter den Mädchen die Männer und der Vater. Auch das 'passt' anfangs, aber es fehlt eine wichtige Kraft.
—1995, (vgl. Hellinger: Ordnungen der Liebe)—

 

Der Stress

Um 6:41 soll die Sonne aufgehen. Der Mann blickt nach Osten und wartet mit der Uhr in der Hand. "Mach' doch vorwärts!" sagt er. "Es ist ja schon 6:40." Um 6:41 geht die Sonne auf. "Aber gerade noch!" sagt der Mann.
—1993—

 

Die Heimat

Wo er geboren war, gefiel es ihm nicht. Es ist nicht angenehm in den Slums, in einer Hütte aus Pappe und Wellblech zu wohnen. Im Sommer stand alles unter Wasser; es stank; die Ratten konnte man nicht mehr zählen. Oft dachte er daran, irendwo anders hinzugehen. Von dem kleinen Hügel im Slum konnte er die hohen Häuser der Stadt sehen. Dahin wollte er, oder dahin wo die Reisfelder waren. Er hatte keine klare Vorstellung davon, aber schön war es da bestimmt. Viel schöner als da, wo er jetzt war. Er blickte sich um. Alles hier kannte er. Jeden Stein, jeden Halm, jeden Durchschlupf. Es war immer dasselbe, jahraus jahrein.
Deprimierend.
Als er aber eines Tages mit seinem kleinen Bündel wegging, da weinte er und er fürchtete sich sehr.
—1993—

 

Die Hölle

Jemand erzählte mir: "In der Hölle stehen riesige runde Töpfe mit den erlesensten Speisen. Darum herum sitzen die Menschen mit Löffeln. Aber deren Stiele sind so ungeheuer lang, daß sie damit nicht essen können.
Im Himmel ist es genau wie in der Hölle, die riesigen Töpfe, die langen Löffel. Einziger Unterschied: Jeder füttert sein Gegenüber."
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Das Symptom

Manchmal sollte man seine Symptome vielleicht so lange behalten, bis man etwas besseres gefunden hat:
Ein Flamingo steht auf einem Bein und schläft. Wenn das Standbein aus irgendeinem Grund gewechselt werden soll, kommt aus dem Bauchgefieder das zweite Bein herab, stellt sich neben das erste, und dieses wird sodann hochgezogen.
Diese Reihenfolge ist die richtige: wenn er nämlich zuerst das Bein hochzieht, fällt er auf den Schnabel.
—1985—

 

Der Drache

(eine etwas seltsame Geschichte, die mir eines Tages einfiel und die möglicherweise hier nicht hergehört, wer weiß...)

Vielleicht war etwas von dem Blut des Drachen an den Prinzen gekommen. Vielleicht hatte er es gar nicht bemerkt oder es beiläufig abgewischt. Schwer zu sagen.
Jedenfalls liebte und heiratete er eine schöne Prinzessin. Als sie aber nach einiger Zeit einmal stritten, da sah er, wie es plötzlich grünschwarzschuppig über sie lief; ein Hauch nur, sodaß er dachte, er habe sich geirrt oder es sich eingebildet und nicht weiter darauf achtete. Ein anderes Mal biß sie ihn beim Liebesspiel. Da sah er das Gelbäugige für einen Moment. Von da an geschah es immer häufiger, daß er das Grünschwarzschuppige und Gelbäugige bemerkte, und während er still und mit zunehmender Verzweiflung daran festzuhalten versuchte, es sei nur eine Täuschung und werde sich wieder geben, wachte er eines Morgens auf und der Drache lag neben ihm.
Er erhob sich leise, ging in die Waffenkammer und rüstete sich mit Schild und Eisen zum Kampf. Als er wieder ins Schlafgemach trat, zog die Prinzessin, nackt, samthäutig, rehäugig, die Decke über sich und fragte. "Was machst du?"
"Chchchchssssssst", hörte er.

—1998—

 

Die Rettung

Während einer Überschwemmung kam die Flut auch zum Haus eines frommen Mannes. Ein Lastwagen pflügte durch das steigende Wasser, und der Fahrer fragte den Mann, ob er ihn mitnehmen solle. "Nein, danke," war die Antwort, "ich warte auf die Hand Gottes, die mich retten wird."
Das Wasser stieg. Ein kleines Boot näherte sich. "Komm' mit!", sagte der im Boot. "Nein, ich warte auf die Hand Gottes."
Das Wasser stieg zum Dach. An die Antenne geklammert rief der Mann einem Hubschrauber zu, der ihn aufnehmen wollte: "Danke. Ich brauche keine Hilfe. Die Hand Gottes wird mich retten!"
Er ertrank natürlich.
Als er zum Himmelstor kam, beschwerte er sich darüber, daß die Hand Gottes ihn nicht errettet habe. "Wir haben," sagte Petrus, "unser Bestes getan, indem wir dir einen Laster, ein Boot und einen Hubschrauber schickten!"
—gehört von Hugh Brennan—

 

Der Korridor

Links und rechts sind Türen. Tausend Stück. Der Mann steht unschlüssig. Zaghaft öffnet er eine der Türen und schaut hinein. Dann schließt er sie wieder. Irgendwo möchte er gern hineingehen, sich auf das einlassen, was er drinnen vorfindet. Aber wo? Wenn er sich entscheidet, wird er damit alle anderen Zimmer aufgeben. Es kommt ihm vor wie eine große Verschwendung seiner vielen Möglichkeiten. Andere kommen und betreten --wie es ihm scheint: zielstrebig-- eines der Zimmer.
Er wartet noch. Es geht ihm nicht gut dabei. Es ist absolut nichts los auf dem Korridor. Auf dem Korridor gibt es nur Türen.
—vgl. Hesse:Steppenwolf—

 

Die Flucht

Im Basar von Damaskus erblickte ein Mann den Engel des Todes in der Menge. Der Engel fixierte ihn aufmerksam und, wie es schien, ein wenig erstaunt. Der Mann fürchtete sich sehr, eilte fort und kaufte die schnellsten Kamele, die er finden konnte. In wildem Ritt machte er sich auf nach Aleppo. Noch nie war es jemandem vor ihm gelungen, in einer einzigen Nacht von Damaskus nach Aleppo zu reiten. Er aber schaffte es. Kaum war er abgestiegen, klopfte ihm jemand von hinten auf die Schulter und als er sich umdrehte, war es der Todesengel. "Du mußt jetzt mit mir gehen", sagte der. "Ich war gestern sehr verblüfft, dich in Damaskus zu sehen, denn es war mir aufgetragen, dich heute in Aleppo abzuholen."
—Eine Sufi-Geschichte, gehört von Ram Dass;
vgl. auch Idries Shah: Tales of the Dervishes—

 

Der Guru

Ein Schüler, der fest an die unbegrenzte Macht seines Guru glaubte, schritt über den Fluß, nur mit dessen Namen auf den Lippen. Als der Guru das sah, dachte er: Was? Solche Macht liegt in meinem Namen? Wie groß und mächtig muß ich da sein. Am folgenden Tag versuchte der Guru selbst über den Fluß zu schreiten, indem er "Ich, Ich, Ich!" rief. Kaum war er ins Wasser geschritten, sank er und ertrank.
—Sri Ramakrishna,
zit. n. Otto Wolff: Indiens Beitrag
zum neuen Menschenbild.
Rowohlt (rde), 1957.—

 

Der Frosch

Jemand erzählte folgendes:
"Wenn man einen Frosch in einen Topf mit heißem Wassen wirft, wird er sofort herausspringen. Setzt man ihn in einen Topf mit kaltem Wasser und heizt es langam auf, so wird er in dem Wasser bleiben, bis er tot ist."
Ich hab's nicht nachgeprüft, aber wir sind oft wie dieser Frosch.
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Die Gier

Schon vor langer Zeit hörte ich diese Geschichte. Neulich sah ich im Fernsehen, dass sie wahr ist:
Die Buschmänner fangen Affen folgendermaßen. Sie graben, während der Affe zuschaut, ein Loch in einen Baum oder Termitenbau. Dahinter höhlen sie einen Raum aus, in den sie Leckereien für den Affen legen. Der kann nun seine Neugier nicht bezähmen, kommt herbei, greift in das Loch und hält die Leckereien in der Faust fest. Die Faust kann er durch das Loch nicht wieder herausziehen. Er wird aber nicht loslassen! Der Jäger kommt herbei und fängt ihn.
—2008—

 

Die Liste

Gerüchte im Wald. Es existiere eine Todesliste. Beim Bären. Alle sind in Aufruhr. Der Hirsch macht sich auf den Weg zum Bären:
"Bär, stimmt das mit der Liste?"
"Ja."
"Bin ich auf der Liste, Bär?"
"Ja."
Der Hirsch geht nach Hause und ist zwei Tage später tot.
Die Gerüchteküche vibriert, die Panik wird groß. Da sagt sich der Keiler: "Jetzt will ich es wissen" und geht zum Bären.
"Bär, bin ich auf der Liste?"
"Ja."
Der Keiler lebt noch zwei Tage, dann ist er tot.
Es wird unerträglich im Wald. Der Hase fasst sich ein Herz und geht zum Bären:
"Bär, bin ich auch auf der Liste?"
"Ja."
"Dann streich mich von der Liste!"
"Okay."
—mitgeteilt von W. Bossert (2011)—

 

Das Fischerdorf

Ein Besucher kam in ein abgelegenes tropisches Fischerdorf. Man bewirtete ihn und er fand den Fisch vorzüglich.
"Wie lange braucht ihr um die Fische zu fangen?" fragte er.
"Nicht sehr lang", war die Antwort. "Wir fangen nur, was nötig ist."
"Was macht ihr dann in der übrigen Zeit?" erkundigte sich der Besucher.
"Wir schlafen lang, gehen ein bißchen Fischen, spielen mit den Kindern und sitzen abends bei ein paar Drinks zusammen."
Der Besucher sagte: "Ich bin Betriebswirt und kann euch helfen. Wenn ihr ein bißchen länger fischen würdet, dann könntet ihr von dem Fisch noch etwas verkaufen und mit dem Erlös größere Fischerboote kaufen."
"OK. Und dann?" fragten die Fischer.
"Dann könntet ihr mit den größeren Booten noch mehr fangen, weitere Boote kaufen, eine ganze Flotte, und schließlich könntet ihr eure eigene Fischfabrik bauen, irgendwann damit an die Börse gehen und wirklich sehr, sehr viel Geld verdienen."
"Wie lange würde das ungefähr dauern?"
"Na, ich schätze, so ungefähr 20 bis 25 Jahre."
"Und dann?"
"Dann könntet Ihr Euch in einem kleinen Fischerdorf zur Ruhe setzen, lange schlafen, ein bißchen Fischen gehen, mit den Enkelkindern spielen und abends bei ein paar Drinks zusammensitzen."

—?—

 

Die Güte

Aus dem Pfarrgarten werden nachts Äpfel entwendet. Der Pfarrer stellt ein Schild auf: DER LIEBE GOTT SIEHT ALLES!

Am nächsten Tag fehlen wieder etliche schöne Äpfel und auf dem Schild ist hinzugefügt: ABER ER PETZT NICHT!

—?—

 

Der Markttag

In Amerika reichte mein Einkommen oft nicht zum Leben, so dass ich am Wochenende Nebenjobs brauchte. Einer davon bestand darin, für eine Bekannte, die auf einer 'sprout farm' Sprößlinge von Bohnen, Weizengras und noch anderem zog, samstags auf dem Wochenmarkt der Kreisstadt zu verkaufen. Ich stand also gegen 5:00 auf, fuhr zur Farm, belud den Pickup mit Körben und dem Marktstand, fuhr 60 km in die Kreisstadt und baute dort alles auf. Um 7:30 kamen die ersten Kunden. Mir schien, sie waren unfreundlich, verschlafen und in keiner Weise geneigt, die Arbeit, die ich bereits seit zwei Stunden für sie gemacht hatte, anzuerkennen. Das machte mich ärgerlich und ich ließ sie das auch merken.

Um 13:30 baute ich wieder ab, fuhr zur Farm, lud den Laster ab, erhielt meine Umsatzbeteiligung (Festgehalt gab's keins) und fand mich gegen 17:30 mit $20 wieder zu Hause.

Obwohl ich das Geld dringend brauchte, war das eindeutig kein deal für 12 Stunden. Weil ich aber keine Alternative hatte, beschloss ich, die Sache anders anzugehen: Ich legte mir ein Theaterskript zurecht, die Rolle des Freundlichen Verkäufers, notierte genau die Sätze, die ich sagen würde, und zwar völlig unabhängig davon, wie mir die Kundschaft behagte oder wie ich mich selber fühlte: "Danke, dass Sie bei mir eingekauft haben. Genießen Sie Ihr Gemüse. Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag," usw. Im Auto auf der Fahrt zur Kreisstadt hatte ich Zeit, im Rückspiegel meine lächelnde Mimik einzuüben, die Sätze laut zu sprechen und den Tonfall so freundlich und ausgeglichen wie möglich zu machen. Das tat ich während der gesamten Fahrt, baute dann meinen Stand auf und pünktlich ging's los.

Nun geschah etwas Seltsames: nach 10 Minuten kam es mir vor, als wären die Kunden heute gar nicht so schlecht drauf wie sonst. Und nach 30 Minuten hatten die Sätze, die ich zu jedem in der eingeübten Weise sagte, nichts mehr von einer Rolle, sondern kamen von Herzen und ich meinte sie genau so wie ich sie sagte. Es ging mir sehr gut an diesem Markttag. Und als ich abends nach Hause kam, hatte ich 120 Dollar in der Tasche.

—1989—

 

Das Ziel

Der Talboden des Death Valley zwischen Kalifornien und Nevada liegt an der tiefsten Stelle ca. 80m unter dem Meeresspiegel. Nur 24km westlich befindet sich der Gipfel des Telescope Peak auf 3300 Meter Höhe. Die klare Wüstenluft lässt es jedoch so aussehen, als sei es nur ein etwas größerer Hügel, auf dem seltsamerweise im Mai noch Schnee liegt während im Tal Temperaturen von weit über 40 Grad herrschen. Eines Morgens im Februar, nach einer bitter kalten Nacht im Auto, beschloss ich, eine Wanderung in Richtung des Berges zu machen.

Es ging bald relativ steil bergauf und ich war mehrere Stunden unterwegs. Aber der Berg sah immer noch genau gleich aus wie am Anfang; ich hatte nicht den Eindruck, ihm auch nur ein kleines Stück näher gekommen zu sein. Während ich weiterstieg, stolperte ich, weil ich auf den Berg schaute und nicht vor meine Füße. Es ist keine gute Idee, sich in dieser Gegend ein Bein zu brechen, also begann ich, vor meine Füße zu schauen. Schritt für Schritt. Und vergaß den Berg. Als ich wieder einmal aufschaute, sah er noch immer aus wie vorher. Keine sichtbare Annäherung.

Ich beschloss umzukehren; der Tag war schon weit fortgeschritten und ich hatte keine Ausrüstung für die Nacht dabei. Als ich mich umdrehte, sah ich weit, weit unten, kaum noch erkennbar, einen kleinen weißen Fleck inmitten des Gerölls. Das war mein Auto, und ich merkte erst jetzt, zurückschauend, welch gewaltiges Stück Weg ich hinter mir hatte. An diesem Tag lernte ich, wie wichtig es ist, ab und zu auf das Geleistete in Ruhe zurückzublicken, und wie wichtig es ist, in schwierigem Gelände nicht das Ziel, sondern nur und ausschließlich den nächsten Schritt anzuschauen.

—1991—

 

Der Gerechte

Vor dem Himmelstor warten viele Seelen und begehren Einlass. Petrus tritt heraus und sagt: "Wir nehmen diejenigen auf, die ohne Sünde sind. Ich bitte also alle, die eines oder mehrere der Zehn Gebote einmal oder mehrmals übertreten haben, zur Seite zu gehen." Nach und nach gehen alle zur Seite. Alle bis auf einen. Der bleibt in der Mitte stehen. "Ich habe", sagt er, "niemals irgendeines der Gebote übertreten, sondern vom ersten Tag an rechtschaffen gelebt."
Petrus ist verdutzt darüber, dass es nur einer ist, bittet alle zu warten und geht hinein, um mit Gott Rücksprache zu halten. "Herr, wenn wir nur einen einlassen, wird er allein sein und sich langweilen. Aber wir wollen ihn doch nicht bestrafen, sondern belohnen." "Nun gut," sagt Gott, "wer also bereut, dem seien die Sünden vergeben und er darf ebenfalls hereinkommen." Petrus eilt nach draußen und verkündet den Ratschluss Gottes. Einer nach dem andern geht langsam wieder in die Mitte. Da ruft es plötzlich aus der Menge: "So haben wir aber nicht gewettet! Wenn ich gewusst hätte, dass mir vergeben wird, hätte ich mein Leben nicht so vergeudet!"

—nacherzählt nach Jorge Bucay:
Komm, ich erzähl dir eine Geschichte.
Frankfurt, Fischer 2012. —

 

Die Axt

Ein junger Holzfäller trat in den Dienst eine Waldbesitzers und weil er einen guten Eindruck machen wollte, strengte er sich am ersten Tag sehr an und es gelang ihm, 18 Bäume zu fällen. Im Laufe der Zeit wurden es aber immer weniger. 'Ich muss früher ins Bett gehen', dachte er, schlief gut aus und schaffte am nächsten Tag trotzdem nicht mehr. In der darauffolgenden Nacht schlief er schlecht, fing an zu grübeln und am nächsten Tag konnte er unter Aufbietung all seiner Kräfte nur noch zwei Bäume fällen.
Er beschloss, zu einem Psychotherapeuten zu gehen. Der fragte ihn, wann er zum letzten Mal seine Axt geschliffen habe. "Noch nie," war die Antwort, "dazu hatte ich keine Zeit."

—nacherzählt nach Jorge Bucay, a.a.O.—

 

Die Wölfe

Ein Großvater unterrichtete seinen Enkelsohn und sagte: "In uns allen, auch in mir und in dir, kämpfen zwei Wölfe miteinander. Der eine ist wütend und rachsüchtig. Der andere ist liebend und mitfühlend."
"Welcher Wolf wird gewinnen?", fragte der Enkel und der Alte antwortete:
"Der, den wir füttern."

—Cherokee;
gehört von Barbara Hess—

 

Die Sanduhr

Anfangs ist aller Sand noch oben, in der Zukunft,
dann rieselt er hinab durchs Jetzt und Hier, die engste Stelle,
in die Vergangenheit, die nach und nach
mit dem sich füllt, was einmal Zukunft war.

Die Jugend, da noch kaum etwas vergangen,
weilt in der Zukunft; später dann, im Alter,
füllt das Vergangene uns aus. So sind wir selten
an jenem Ort, wo eins ins andre übergeht
und wo wir einzig ganz lebendig sind:
dem Jetzt.

—2013—

 

Der Stein

Ein Mann tritt Wasser im Ozean und versucht verzweifelt, nicht unterzugehen. Mit den Armen umklammert er einen großen Stein. "Lass den Stein los!" rufen die Leute vom Ufer. Er antwortet: "Und woran soll ich mich dann festhalten?!"

—?—

 

Die Tiger

Jeden Morgen trat Mulla Nasrudin vor seine Hütte und klatschte in die Hände. Auf die Frage, warum er das tue, antwortete er: "Ich verscheuche die Tiger." "Aber hier gibt es doch gar keine Tiger", sagte der andere. Nasrudin erwiderte: "Ja, siehst du, es wirkt sehr gut."

—nach Idries Shah—

 

Die Fee

Ein Mensch hatte die Angewohnheit, sich mit anderen zu vergleichen. Immer kam es ihm so vor, als wären die anderen glücklicher, hätten die Dinge, nach denen es ihn verlangte, lebten erfüllter und machten ihre Sache besser als er.

Als er wieder einmal so dachte, erschien eine Fee. "Ich habe deine Wünsche gehört", sagte sie, "und bin bereit sie zu erfüllen. Aber es gibt eine Bedingung: Du musst alles nehmen. Ich kann dich an die Stelle des anderen setzen, aber nur ganz. Mit allem was der andere ist. Mit seinem Licht, das du siehst und seinem Schatten, den du vielleicht nicht siehst. So wie du gerade jetzt deinen Schatten siehst, aber dein Licht nicht.
Überlege also, ob du ganz und gar so sein willst wie der andere. Wenn dir das recht ist, werde ich es so machen."

Ich weiß nicht genau, wie die Geschichte augegangen ist.
Wollte er oder wollte er nicht?

—2017—

 

Die Ordnung

In der Mojave-Wüste stieg ich einmal früh morgens auf einen kleinen Hügel, um den Sonnenaufgang zu betrachten. In der Blickrichtung war, soweit das Auge reichte, nichts von Menschen Gemachtes zu sehen. Was ich sah, waren die Berge und Täler, die vielen Steine am Boden, die struppigen Büsche, die Sandflächen, den in allen Farben schimmernden Himmel der Morgendämmerung.
Es war vollkommen still.
Auf einmal schoss durch meinen Kopf der Gedanke: "Dieser Busch müsste jetzt zwei Meter nach links, dann wäre es perfekt".
Ich fiel fast vom Hügel vor Lachen.

Viele Jahre später hörte ich das Zen-Wort dazu:
Der Schnee fällt. Jede Flocke an ihren Platz.

—1990/2017—

 

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© Hans Metsch