gedichte

Sonntagmorgen

Draußen tönet das Geläute
Denn es ist ein Sonntag heute
Und im Dorfe auf die Socken
Macht man sich, dem Ruf der Glocken
Nachzupilgern. Mir hingegen
Käme solches ungelegen:
Erstens hab’ ich an der Messe
Kein besondres Interesse
Zweitens auch, weil aus dem Sitze
(Wo ich mit der Federspitze
Neben meiner Kaffeetasse
Diese Zeilen hier verfasse)
Ich mich nicht erheben will —
Horch! Nun sind die Gocken still.

Und ich mach’ auf eig’ne Weise
Meine Sonntagmorgenreise:

Leib und Hintern im Gestühle
Fest begründet auf dem Pfühle
Schwingt der Geist sich in die Ferne
Denn da weilt er oft und gerne
Und gelanget auch in Euer
Haus, das ihm so lieb und teuer.
Heimlich, leise, ungesehen
Folgt er dorten dem Geschehen
Und er macht Euch dann zum Gruße
Ein Gefühl, vielleicht am Fuße
Oder unterm Dach des Haares —
Merkt Ihr’s? Obacht… Ja, das war es!

Alsbald eilet er hinwieder
Heim zu mir und läßt sich nieder
Just zurecht, damit ich merke:
Es ist Zeit für and’re Werke.
Denn bewußt wird ziemlich schnelle
Daß sich grade an der Stelle
Die mich hier so fest begründet
Ein gewisser Drang befindet
Welcher mich veranlaßt eben
Mich nun doch noch zu erheben.
Weg vom Orte der Gedichte
Eilig ich die Schritte richte
Damit auch die Leibeshöhle
Nach dem Hochgenuß der Seele
Sich durch Läuterung ergötze
Wozu ich mich wieder setze.

So erfreut mich Sonntagfrüh
Leib- und Seelenharmonie.

--an K. und D., 1984--

9th of November

I was a nine year old boy when they put up the wall
Tons of concrete and wire, about thirteen feet tall
With tank traps and mine fields, a dismal array
And an act of despair to get people to stay.

In the West they built platforms so that tourists could view
And click off their cameras, as if they were in a zoo
So, for twenty-eight years it was all held at bay
A disgrace on both sides till this November Day.

Then the miracle happened, and it happened quite fast
And things started moving and changing at last
Gates and hearts, they did open at the turn of the tide
And for once did the Germans have God on their side.

And guys with guitars stood on top of that wall
Singing and dancing and having a ball
Pickaxes flashed and kept chipping away
As wrath turned to joy on this November Day.

In a far land I sat by my TV and stared
Amazed at myself and at how much I cared
I used to think it don’t matter, not to me, anyway
But I’s homesick as hell on this November Day.

Memorials are built out of iron and stone
But Mikhail Sergeyevich’s will always be known
By the stone and the iron being taken away
From the wall that came down on this November Day.

--1989--
(Mikhail Sergeyevich = Gorbatchev;
nach der Melodie des irischen Liedes 'The Patriot Game' von Dominic Behan, das auch Bob Dylan in 'With God on Our Side' verwendete.)

Leben

Nase bohren.
Am Sack kratzen.
Fernbedienung.
Erfüllt sterben.

--2010--

 

Sanduhr

Anfangs ist aller Sand noch oben, in der Zukunft,
dann rieselt er hinab durchs Jetzt und Hier, die engste Stelle,
in die Vergangenheit, die nach und nach
mit dem sich füllt, was einmal Zukunft war.

Die Jugend, da noch kaum etwas vergangen,
weilt in der Zukunft; später dann, im Alter,
füllt das Vergangene uns aus. So sind wir selten
an jenem Ort, wo eins ins andere übergeht
und wo wir einzig ganz lebendig sind:
dem Jetzt.

--2013--

 

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© Hans Metsch