04.11.2012
Gutmenschen

Nehmen wir an, wir hätten eine sehr große Fachgruppe in der kassenärztlichen Versorgung. Nennen wir sie 'Psychotherapeuten'. Und jetzt nehmen wir weiter an, diese Gruppe würde nicht effektiv für ihre Honorare kämpfen, sondern sich — angeleitet auch von ihrer Bundeskammer — in einem Gutmenschentum häuslich einrichten, das in alter Birkenstock- und Cordjacken-Tradition die inneren Werte hochhält und — wie Hilgers (2011) feststellte — "ein fundamental gestörtes Verhältnis zu Macht und Geld" hat.

Da könnte man doch in der ärztlichen Selbstverwaltung auf die Idee kommen, diese Gruppe nicht nur nicht zu fördern, sondern sie mit allen Mitteln am finanziellen Aufstieg zu hindern, weil sie nämlich in der Gesamtstatistik das ärztliche Durchschnittseinkommen nach unten drückt. Dies wiederum kann als Grundlage neuer Honorarforderungen der Ärzteschaft dienen, von denen natürlich wieder nichts bei den Psychotherapeuten ankommen darf, sonst kann das Spiel nicht weitergehen.

Ab 1.1.2013 sollen wir von den — politischerseits den Hausärzten und den Psychotherapeuten zugedachten — Zusatzmitteln einen Betrag von sage und schreibe 73 cent pro Therapiesitzung bekommen: wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Ein betriebswirtschaftlich ausgebildeter Freund und Kollege hat sich nun die Mühe gemacht, die finanzielle Lage der Psychotherapeuten in Diagrammen darzustellen, die mit seiner Erlaubnis auch hier wiedergegeben werden:


1. Arbeitszeit:
Verteilung der Wochenarbeitszeit auf verschiedene Arbeitsbereiche.

Bitte zur Vergrößerung (pdf) auf die Bilder klicken.

Arbeitszeit


2. Bezahlte Arbeitszeit:
Rot = Unbezahlte Arbeitszeit bei einem betriebswirtschaftlich kalkulierten Stundensatz von €140,--.

Bezahlte Arbeitszeit


3. Hierarchie der Praxisgewinne in der kassenärztlichen Versorgung:
Grün = Psychotherapeuten

Gif Ueberschuss2011


4. Einkommensentwicklung der Psychotherapeuten:
Grün = Inflation 2000-2012;
Rot = Honorarentwicklung für eine Therapiestunde 2000-2012

Gif Honorarverlust


Der Tisch ist lang, über den wir gezogen werden. Aber Cordjacken und die inneren Werte halten ja einiges aus.



Bitte lesen Sie dazu auch
Die Lage der Psychotherapie: eine Katastrophe

22.09.2012
Bananen

Ein österreichischer Supermarkt verkaufte vorgeschälte, in Plastikschalen und Zellophan verpackte Bananen.

Also, nochmal: Ein österreichischer Supermarkt verkaufte vorgeschälte, in Plastikschalen und Zellophan verpackte Bananen.

Es gab Protest via Facebook, aber die Wiener Zeitung ist optimistisch und meint:

Am Ende wird über Sinn oder Unsinn derartiger Produkte aber ohnehin nicht der allgemeine Tenor auf Facebook entscheiden, sondern der Konsument vor dem Regal - und der scheint diesen Produkten gegenüber aufgeschlossen zu sein.

Wo sind eigentlich diese Asteroiden, wenn man sie mal braucht?

22.09.2012
Kopfschmerz

Im Wartezimmer des Zahnarztes lese ich Focus. Es wird eh weh tun, also kann ich mich schonmal ein bisschen eingewöhnen. In der Ausgabe vom 20.8.2012 findet sich eine Titelgeschichte über Kopfschmerzen, in der Psychotherapie mit keinem Wort erwähnt wird.

25.08.2012
Lazarett

Es gibt jetzt 'Einkaufsoptimierer'. Das sind Parasiten, die sich zwischen die Einkaufsabteilung eines größeren Unternehmens und deren — teilweise altgediente — Zulieferer schalten. Den Unternehmen versprechen sie die billigstmöglichen Einkaufspreise und den kleineren Zulieferern erklären sie, ihre Preise seien um 40% zu hoch. Ich will die grausigen Details nicht weiter ausführen; man kann sie sich vorstellen.

Eine hiesige Bäckereikette — wie so viele 'wachstumsorientierte' Betriebe — stellt junge Unteroffiziere der Waffen-BWL als Gebietsleiter ein, welche mit den unteren Rängen des Personals in einer Weise umspringen, die eigentlich strafrechtliche Konsequenzen haben sollte.

Die Krankenkassen beklagen die steigende Zahl 'psychischer Erkrankungen'. Es sind aber keine Erkrankungen. Es sind Kriegsverletzungen. Meine psychotherapeutische Praxis wird zum Lazarett.

07.07.2012
Gesetzgebung

Ein Sommerabend. Im Fernsehen wird das Halbfinale der Fußball-EM übertragen: Deutschland gegen Italien. An vielen Autos flattern kleine Fahnen. Etwas größere am Reichstag. Dort sitzen 30 Abgeordnete (von 620) und beschließen in zweiter und dritter Lesung ein neues Meldegesetz, dessen Text plötzlich die Datenweitergabe von Meldeämtern an Adresshändler, Werbe- und Inkassofirmen gestattet, solange der Bürger nicht ausdrücklich widersprochen hat. (Im Originalentwurf war dazu eine ausdrückliche Genehmigung notwendig.)
Ganze 57 Sekunden dauerte das.

Früher hatten wir auch lustige Fähnchen:

image

22.05.2012
Argument

"Ärzte würden ihre Zulassung verlieren, wenn sie so etwas täten", meinte der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery heute in einem Nachrichten-Interview.

Respekt. Elegant argumentiert. Menschen würden bestraft werden, wenn sie Einbrüche begingen. Deshalb kommt es in Deutschland auch nur ein einziges Mal alle vier Minuten vor.

29.4.2012
Limbus

Etwas Weltbewegendes von ungeheurer Tragweite ist geschehen. Und ich, ich hab's komplett verpasst. Einfach nicht mitgekriegt. Unfassbar.

Der Papst hat 2007 die Vorhölle abgeschafft. Weg ist sie. Zugemacht. Geschlossen. Finito. Da sind bis jetzt die kleinen Kinder hingekommen, die vor der Taufe gestorben sind. Die konnte man ja nicht gut ins Paradies lassen, weil sie nicht durch die Taufe von der Erbsünde befreit waren. Also wohin damit? Hölle geht ja auch schlecht. Das wär' ja total herzlos. Die kamen dann halt in die Vorhölle als provisorisches Endlager.

Den Limbus patrum, also die Vorhölle wo die ganzen alttestamentarischen Propheten und Gerechten hinkamen, die ja auch nicht getauft waren, das Ewige Pflegeheim sozusagen, hat scheint's der Junior-Chef selber noch zugemacht. Aber Papst Ratzinger hat sich auch nicht lumpen lassen und die Kinderstation geschlossen, den Limbus infantium. Sie werden jetzt, so hoffen wir, alle ins Paradies übernommen.

Drei Jahre lang habe man intensiv beraten im Vatikan. Da werden die Amyloid-Plaques ganz schön geraucht haben.

05.03.2012
Ehrensold

Ex-Bundespräsident Wulff ("Nicht alles, was Recht ist, ist auch richtig") hat ein Hühnchen zu rupfen. Vor allem mit der Presse, vermute ich. Aber weil man da schwer rankommt, nimmt man halt wieder die Steuerzahler. Er will — wenn's recht ist — nicht nur seinen Ehrensold, sondern auch den Chauffeur und das Büro samt Mitarbeitern. Wahrscheinlich wird's da aber nicht mehr viel zu tun geben; Faulpelze, die auf etwas größerem Fuß leben wollen, können sich also schon mal bewerben. Vielleicht leiht ihnen dann die Frau vom Chef ein bisschen was für ein Reihenhaus oder sie dürfen ab und zu mit in Urlaub fahren.

29.02.2012
Sirtaki

Gestern bat Sandra Maischberger anlässlich der Griechenland-Krise zum 'letzten Sirtaki'. Es erschienen:

• Costa Cordalis, auf Grund gelaufen und vollkommen manövrierunfähig;

• Dr. Jorgo Chatzimarkakis (FDP), eine Vertrauensperson;

• Hans Eichel (SPD) und Wolfgang Bosbach (CDU), die natürlich nichts dafür können;

• Karsten Schröder, ein Hedgefonds-Manager, der uns versicherte, seine Kunden seien die kleinen Leute;

• Anja Kohl, die diesen kleinen Leuten eine der perversesten Sendungen des Fernsehens präsentiert — die Börsennachrichten;

• und der Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel, dessen Ideen folgendermaßen eingeführt wurden:

Sm2a

Sm2a

Solche Thesen bedürfen zur unmittelbaren Darstellung ihres satanischen Gehalts eines Schriftzuges, der klarmacht, dass es sich entweder um einen Horrorfilm oder ein Wahlplakat der NSDAP bzw. der KPD handelt.

Respekt! Besser kann man den Hickel nicht an die Wand malen.

22.02.2012
Experten

Die Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten klären uns über die Ursachen der gegenwärtigen Benzinpreiserhöhungen auf: Iran (von dem wir weniger als 1% unseres Öls beziehen), es ist kalt draußen (wie jeden Winter), hohe Rohölpreise, schwacher Euro gegenüber dem Dollar undsoweiter.

Experten werden unterstützend zitiert.
Experten — man kann es nicht oft genug betonen — sind Leute, aus deren fachlichen Äußerungen hauptsächlich zu entnehmen ist, wer sie bezahlt.
Wir sollen verstehen, dass alles seine Ordnung hat; kein Grund zur Aufregung. Dann gibt's noch Tipps für sparsames Fahren, damit wir auch ein bisschen mithelfen können.

Über die immer obszöneren Gewinne der Ölkonzerne erfahren wir nichts; auch nicht über die Rohstoffspekulanten oder den Umstand, dass die Ölindustrie seit Jahr und Tag ein Kartell ist, für das sich die Einrichtung eines Bundeskartellamtes lohnen würde.

07.02.2012
Zeitzeichen

Banken und Betriebe stellen irgendwelche jungen BWL-Unteroffiziere an, die Krieg-Spielen cool finden (solange es ihnen dabei nicht an den Kragen geht) und die mit einem zahlenorientierten Führungsstil und völliger Disponibilität des 'Menschenmaterials' ein nicht mehr haltbares System doch noch halten sollen. So wächst die gesellschaftliche Grausamkeit Stück für Stück. Man gewöhnt sich an die Sauereien und sie werden mehr.

Vorsorglich wird auch mal wieder mit einer Treibjagd auf die Partei begonnen, die auszusprechen wagt, dass das System unhaltbar ist, während man die Nazis über V-Leute mit Geld versorgt und ihre Morde dann 10 Jahre lang nicht aufklären kann.

'Back to the future'.

09.01.2012
2012

Manchmal weiß man nicht recht, ob etwas ein sarkastisches Meisterstück ist oder einfach eine unvorstellbare Blödheit, welche infolge dieser Unvorstellbarkeit die erste Alternative nahelegt, obwohl es sonst kaum Anhaltspunkte dafür gibt.

Zum Abschluss mehrerer einschlägiger aber noch vergleichsweise harmloser Vorversuche hat Roland Emmerich einen Film gedreht, in dem die Welt untergeht. Der kam gestern im Fernsehen und ich hatte danach eine Zeit lang den dringenden Wunsch, sie möge es bitte auch tun.

28.11.2011
Westen

Günther H. Oettinger, der einmal unser Ministerpräsident war und dann nach Brüssel ins Zwischenlager für schwach hirnaktive Politiker abgeschoben wurde, meldet sich zu Wort und erklärt, was es im Westen Neues gibt.

Das glaubt einem wieder keiner. Video Sehen Sie deshalb selbst.

15.11.2011
Recherche

Die falsche Behandlung seelischer Leiden kostet das deutsche Gesundheitssystem mindestens fünf Milliarden Euro im Jahr.

Herausgefunden hat das die Welt am Sonntag durch "eine breit angelegte Recherche zum Thema Psychotherapie".

Fünf Milliarden sind ungefähr die gesamten (!) jährlichen Ausgaben für Psychotherapie und Psychiatrie in Deutschland. Wir sollten das also die Chirurgen machen lassen. Oder die breit angelegte Journaille.

07.10.2011
Redaktion

Maybrit Illner hatte gestern das Thema Burnout. Die Redaktionssitzung dazu stelle ich mir so vor:

Also, wir machen Burnout. Wird höchste Zeit. Wir sind spät dran. Die Will hat schon, der Jauch, der Plasberg, sogar Beckmann und Lanz, glaub ich. Spiegel, Focus, Stern. Wir müssen uns da jetzt dringend anhängen, bevor die Sau vollends durchs Dorf ist. Was brauchen wir da? Einen Minister, einen Gewerkschafter, einen entspannten Unternehmer. Das Übliche. OK. Ein prominentes Opfer noch. Enke geht ja nicht mehr. Dann eben Hannawald. Vielleicht noch einen Freund von Enke. Und einen Komiker, der nebenher auch Arzt ist, damit's so aussieht, als sei wenigstens einer da, der eine Ahnung hat. Also Hirschhausen oder Rösler. Was heißt die können nicht? Wen gibt's da noch? Stratmann? Wer ist das? Also gut, nehmen wir den.

26.09.2011
Experiment

Laut NZZ (und auch Spiegel, etc.) haben sich in einem Experiment an der Uni St.Gallen professionelle Börsenhändler, die bei Banken und Hedgefonds arbeiten, deutlich feindseliger, zerstörerischer und egoistischer gezeigt als eine Vergleichsgruppe von diagnostizierten Psychopathen in deutschen Hochsicherheitsgefängnissen.

Warum wundert mich das jetzt nicht?

31.08.2011
Zusammenhänge

Die Ärztezeitung berichtet heute über eine neue Studie der Barmer GEK und schreibt:

Wo es mehr Psychotherapeuten gibt, steigt die Zahl der Depressionen. Das geht aus dem Morbiditätsatlas der Barmer GEK hervor, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

In Bayern und den Stadtstaaten gibt es bundesweit die meisten Depressionen. [Der Herausgeber des Morbiditätsatlas Uwe Repschläger] führte dieses Ergebnis auf die räumliche Verteilung der Psychotherapeuten zurück.

Schon klar. Blutdruck hatten wir ja früher auch keinen. Den gibt's auch erst, seit man ihn messen kann. Wenn also die Ärzte, Psychotherapeuten und Zahnärzte einfach mal mit dieser dämlichen Diagnostiziererei aufhören würden, wären wir alle rundum gesund.
Muss man natürlich erst mal drauf kommen, auf sowas. Aber gottseidank ist wenigstens die Kasse auf Zack.

@Ärztezeitung: Im RSS-feed erscheint der Artikel unter 'Psychotherapeuten machen depressiv'. Geht's eigentlich noch? Oder sitzt der Schalk im Nacken?

20.08.2011
Phynances

Im Netz steht ein 'Manifeste d'économistes atterrés' (Manifest fassungsloser Ökonomen). Darin kommen u.a. folgende Punkte zur Sprache:

1. Nicht mehr die Aktionäre finanzieren das Unternehmen, sondern umgekehrt (shareholder value).

"Die Vorstände der börsennotierten Unternehmen haben das oberste Ziel, das Verlangen der Aktionäre nach Bereicherung zu befriedigen [...]. Daher hören auch sie selbst auf, lediglich Gehaltsempfänger zu sein, wie sich im maßlosen Höhenflug ihrer Bezüge zeigt." [Meine Übersetzung, auch im folgenden.]

2. Wegen des shareholder value steigen die Anforderungen an die Profitabilität eines Unternehmens. Die Arbeitskosten (Löhne und soziale Leistungen) sinken.

3. Jetzt sollen zur Schuldentilgung der Staaten die öffentlichen Ausgaben weiter gesenkt werden.

4. Den Zentralbanken der Länder, die einmal dazu gegründet wurden, den Staat sicher zu finanzieren, haben dieses Privileg verloren, so dass Staaten sich an die privaten Finanzinstitute wenden müssen und von ihnen völlig abhängig sind. [Ist es nicht seltsam, dass der Staat überhaupt Schulden machen muss? Schließlich hat er die Autorität, Geld herzustellen. Er könnte also einfach drucken, soviel er braucht, auch ohne dass das eine Inflation gibt. Leider wird das allermeiste Geld aber von den Banken gemacht, in Form von 'checkbook money', virtuellem Geld. Irgendwann haben die kapitalistischen Staaten dem zugestimmt und sind ihm nun unterworfen.]

5. Angebot und Nachfrage werden normalerweise antizyklisch über Preise reguliert: Nachfrage größer als Angebot → teurer Preis → Erhöhung des Angebots bzw. Sinken der Nachfrage → Preis fällt. Nachfrage kleiner als Angebot → billiger Preis → Sinken des Angebots bzw. Erhöhung der Nachfrage → Preis steigt. Anders im Finanzsektor. Hier generiert ein teurer Preis oft eine erhöhte Nachfrage bei weiter steigenden Preisen. Es kommt zur zyklischen Bildung von Blasen, die irgendwann platzen.

6. Staatsschulden und Staatsdefizit:

Die [...] Explosion der Staatsschulden in der Eurozone und der Welt hat einen [...] Grund, nämlich die Finanzrettungsschirme und vor allem die Rezession, die durch die Banken- und Finanzkrise 2008 ausgelöst wurde. Das mittlere Staatsdefizit in der Eurozone betrug 2007 0,6% des Bruttoinlandsprodukts (BIP), aber die Krise ließ es 2010 auf 7% steigen. Die Staatsschulden stiegen im gleichen Zeitraum von 66% auf 84% des BIP.

7. Man hat in Europa und anderswo systematisch die Unternehmens- und Vermögenssteuern reduziert:

[Mit] dem an den Steuern gesparten Geld konnten die Reichen zinstragende Staatsanleihen erwerben, die zu dem Zweck ausgegeben wurden, die durch die Steuersenkung hervorgerufenen Staatsdefizite zu finanzieren.

8. Und die Ökonomen?

Die meisten Ökonomen, die sich in die öffentliche Debatte einschalten, tun das, um die Unterwerfung der Politik unter die Erfordernisse der Finanzmärkte zu rechfertigen.

Und die Politiker?
Maxine (aus der amerikanischen Cartoon-Serie Crabby Road: alt und gnadenlos) meinte neulich: "Die Wirtschaft läuft so schlecht, dass Exxon-Mobil 25 Kongressabgeordnete entlassen hat."

17.08.2011
GKV

Man kann in den Ballungsräumen ca. 3.500 Psychotherapiepraxen schließen bzw. in unterversorgte Gebiete verlegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Unternehmensberatungsfirma Prognos im Auftrag des GKV Spitzenverbandes (Verband der gesetzlichen Krankenkassen).

Tatsache ist, dass die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz selbst in Städten mit einem – in den 90er-Jahren irgendwie hingewürfelten – Versorgungsgrad von 300% absurd lang sind, und es in Deutschland Gegenden gibt, die bei 1 Psychotherapeuten auf 10.000 Einwohner als überversorgt gelten.

Aber was red' ich. Dazu braucht man halt Unternehmensberater, die dann wahrscheinlich das Honoraräquivalent der Psychotherapeutenschaft eines Bundeslandes einstreichen.

Und die Kassen, die sowas veranstalten, werden ihren Beitragszahlern am Telefon treudoof versichern lassen, es gäbe doch genug Therapieplätze und man werde selbstverständlich bei der Suche helfen.

15.08.2011
Märkte

In den Medien ist zunehmend die Rede von 'den Märkten'. Gemeint sind die Netzwerke der Finanzgangster. Es ist, als sagte man anstatt 'Mafia' 'die Familien'.

Der Ausdruck 'die Märkte' suggeriert Austausch, wo es sich um Raub handelt, und das Wohlergehen Aller, wo es um die Bereicherung Weniger geht. Der Plural macht es unnahbar, unergründlich, allgegenwärtig, fast wie Gott. Etwas, was uns bestimmt und wo wir nicht durchblicken (sollen).

Das würde denen so passen!

In seiner Kriegsfibel schrieb Bert Brecht unter das Foto einer alten Frau, die in den Trümmern des zerbombten Berlin herumirrt:

"Such nicht mehr, Frau: du wirst sie nicht mehr finden!
Doch auch das Schicksal, Frau, beschuldige nicht!
Die dunklen Mächte, Frau, die dich da schinden
Sie haben Name, Anschrift und Gesicht."

6.8.2011
Geburtstag

Das WWW basiert auf dem wunderbaren Gedanken, dass jeder gibt, was er kann und nimmt, was er braucht. Jetzt ist es 20 Jahre alt geworden und nichts hat jemals unser Leben in so kurzer Zeit so drastisch verändert.

Mit dem Web2.0, dem 'Mitmach-Internet', können nun auch die teilnehmen, die außer ihren persönlichen Daten nichts zu geben haben. Und diejenigen, die mit diesen Daten Geschäfte machen. Richard Stallman schrieb neulich bei Heise: "Facebook-Nutzer sind keine Kunden, sie sind die Ware." Genau.

Dann natürlich Abzocke, Bewertungsportale, Google, Trojaner und neuerdings KISSmetrics.

Trotzdem: Alles Gute zum Geburtstag, WWW!

26.7.2011
Anrede

In einer e-mail kündigt ein verhaltenstherapeutischer Fachverband seinen Mitgliedern eine Konferenz an und beginnt mit der Anrede

Liebe MitgliederInnen

Ich überlege mir jetzt, ob ich da nicht austrete. Das sind 'LeutInnen', mit denen ich schon rein sprachlich nichts zu tun habe.

12.07.2011
Komplexität

Die Politiker haben ein neues Totschlagargument erfunden: Komplexität. "Es ist alles sehr komplex", sagen sie. Die einfachen Sachen sind dann "populistisch".

In der Naturwissenschaft gibt es einen interdisziplinären Forschungszweig, der sich mit Komplexität befasst. Da geht es darum, aus der rekursiven Anwendung ganz einfacher Regeln komplexe Zustände herzustellen (meist durch Computersimulation), bzw. komplexe Zustände daraufhin zu untersuchen, ob sie nicht möglicherweise aus ganz einfachen Regeln erzeugt werden können. Beispiele sind die zellulären Automaten (etwa John Conways 'Game of Life'), dann die iterative (fraktale) Nachbildung komplexer Naturphänomene (Farne, Gebirge) aus einfachsten geometrischen Formen. Ferner neuronale Netzwerke oder die sogenannte Schwarm-Intelligenz, ein Starenschwarm etwa, der diese wunderbar komplexen Bewegungen und Formen am Himmel macht, obwohl jeder einzelne Star nur einigen einfachen Regeln folgt.

Vielleicht sollte man sich nicht irre machen lassen von dem politischen Geschwurbel. Komplexität ist fundamental mit Einfachheit verbunden. Und wenn etwas nicht funktioniert, dann funktioniert sehr oft etwas Einfaches nicht. Man muss es nur finden. Aber solange man dazu ein paar heilige Kühe schlachten müsste, ist 'Komplexität' natürlich viel bequemer.

08.07.2011
Ratingagenturen

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wer eigentlich die Welt regiert, dann haben die Maßnahmen der amerikanischen Ratingagenturen – deren Tätigkeit im Großen und Ganzen darin besteht, im Dienst der Privatbanken selbsterfüllende Prophezeiungen zu produzieren – ihn geliefert. Heise meldete gestern:

Es war zunächst der Querschuss der Ratingagentur Standard & Poors (S&P), der eine Einigung für die zweite Bankenrettung-Nothilfe für Griechenland am Wochenende unmöglich machte [...]. Denn S&P will jede private Gläubigerbeteiligung als Zahlungsausfall werten. Nun hat am späten Dienstag Moody's nachgesetzt und Portugal auf "Ramsch"-Niveau herabgestuft. In der insgesamt widersprüchlichen Argumentation sticht die Warnung hervor, dass neue Abstufungen drohten, wenn sich private Gläubiger an zukünftigen Rettungsmaßnahmen beteiligen müssten.

"Too big to fail" sind nur die Banken, nicht etwa ganze Nationen. Befinden sich eigentlich die Banken in den Ländern oder die Länder in den Banken?

Oder ist das alles am Ende gar eine pädagogische Maßnahme der sich sorgenden Banken und ihrer Agenturen, die uns auf den rechten Weg und vom Schuldenmachen wegführen wollen? Das wäre schön. Märchenhaft geradezu, wenn man sich erinnert, dass viele dieser Banken erst neulich unter den Rettungsschirm der Steuerzahler gekrochen sind und jetzt unter diesem Schirm gegen die Volkswirtschaften spekulieren.

21.06.2011
Gegebenheiten

Im Mitteilungsblatt der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (Ergo 02/11) findet sich das Angebot einer Fortbildungsveranstaltung für

Ärzte aller Fachrichtungen, die ihr Leistungsspektrum noch gezielter an den Bedürfnissen der Patienten und den Gegebenheiten des Marktes ausrichten wollen.

Man macht aus Freiberuflern Unternehmer, aus Patienten Kunden, aus Krankheit und Gesundheit einen Markt.

 

Seh' ich zertrümmert von der Zeiten Hand
Die stolze Pracht aus längst vergangnen Tagen,
Den Turm geschleift, der einst so ragend stand,
Und ew'ges Erz von Menschenwut zerschlagen;
Seh' ich das Meer, das Länder überschwemmt
Und hungrig an dem Reich der Küste zehrt,
Dann wieder, wie das Land die Fluten dämmt,
Besitz und Raub, der sich im Tausche mehrt;
Seh' ich so aller Dinge Wechsellauf,
Die Dinge selbst vom Untergang umkreist,
So blick' ich sinnend zu den Trümmern auf,
Einst kommt der Tag, der mir den Freund entreißt!
Wie Tod ist der Gedanke! Weinend dann
Besitz' ich das, was doch nicht dauern kann.

Shakespeare, Sonnett LXIV,
übersetzt von Max Josef Wolff

Copyright © Hans Metsch