10.05.2020
Verschwörungstheorien
  1. Es besteht eine nicht tolerierbare Unklarheit und Unsicherheit.
  2. Man enthält uns die nötigen Informationen vor.
  3. Jemand ist (also) im Besitz dieser Informationen.
  4. Wir wissen, wer das ist und was für Absichten dahinterstecken.
  5. Wir wissen oft auch, welche Infomationen uns vorenthalten werden.
  6. Die, die es nicht wissen, müssen in Kenntnis gesetzt werden.
  7. Nachdem sie in Kenntnis gesetzt sind, ist eine weitere Leugnung oder die Vorbringung anderer Erklärungen Zeichen der Naivität oder der Unterstützung der unter 4. genannten Personen bzw. Institutionen.

Unter anderem kommen folgende Schlussweisen zum Einsatz:

  1. Es sieht so aus, also ist es so.
  2. Post hoc, ergo propter hoc (Danach, also deswegen)
  3. Cui bono? (Wer den Nutzen hat, ist auch der Urheber).
  4. Eine Theorie, die wichtige Fragen offenlässt, ist falsch.
  5. Es muss so sein, weil man nicht beweisen kann, dass es nicht so ist.
  6. Alle Experten außer unseren gehören zu 4.
  7. Irrtümer und Nicht-Wissen sind inakzeptabel. (Wenn die Regierung etc. vertrauenswürdig wäre, wäre sie auch fehlerfrei.)
28.03.2020
Verwahrlosung

In einem Interview mit Agora42 sagte Christopher Lauer:

[...] die europäischen Gesellschaften [müssen] endlich einen befriedigenden Umgang mit großen Internetplattformen finden […]. Wenn Sie sehen, wie Facebook demokratische Gesellschaften zersetzt, dann müsste man darüber diskutieren, ob sogenannte soziale Netzwerke überhaupt privatwirtschaftlich betrieben werden dürfen. Oder ob sie nicht wie Infrastruktur behandelt werden sollten, also wie eine Autobahn oder Schulen.
[…]
Wir sind komplett wirtschaftsverwahrlost. Einfach alle. Es findet überhaupt keine kritische Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus, den Produktionsbedingungen und der Frage statt, wie wir leben wollen. Es stellt auch niemand die Frage, wie wir wirtschaften wollen, was der ganze Überfluss eigentlich soll und ob die Technologien, die wir benutzen, mehr Nutzen als Schaden anrichten.

Vielleicht hilft ja Corona. Es wäre zumindest mal eine gute Gelegenheit

16.03.2020
Gemeinschaft

Ein Freund aus Berlin sagte mir am Telefon, es sei eine falsche Ausdruckweise, von "sozialer Distanzierung" — als Mittel der Eindämmung des Coronavirus — zu sprechen. Es sei doch eher eine physische und körperliche Distanz. Und tatsächlich scheint es, als hätten die physische und die soziale Distanzierung wenig miteinander zu tun. Das beste Beispiel ist das Bild der auf ihren Balkonen singenden Italiener: physisch getrennt und sozial engstens verbunden.

Gibt es also nicht gerade jetzt, wo wir aufgefordert sind, unsere physischen Kontakte so weit wie möglich einzuschränken und die Grenzen vieler Länder geschlossen werden, ein besonderes Gemeinschaftsgefühl? Mir kommt es so vor. Etwa Tieferes wird angesprochen. Durch die globale Pandemie sind alle Menschen in derselben Lage. Das Virus macht keine Unterschiede! Es betont das Gemeinsame — unsere gemeinsame Vulnerabilität in diesem Fall — auf eine Weise, die man schlecht ignorieren kann.

Ich halte es nicht für selbstverständlich, dass die drastischen Maßnahmen der Regierungen nicht zu Aufständen führen, sondern 'verstanden' werden, und ich halte es auch nicht für selbstverständlich, dass die allermeisten jungen und 'mittelalten' Menschen nicht sagen, man solle die Epidemie doch einfach durchrauschen lassen, dann wäre sie in einigen Wochen vorbei, hätte ein paar hunderttausend Alte das Leben gekostet, die sowieso nicht mehr lange gelebt hätten, aber alles andere würde doch relativ ungestört funktionieren wie bisher.

Stattdessen haben wir uns auf ein Experiment des Mitgefühls und der Gemeinschaft eingelassen, das in dieser Größenordnung in der Geschichte der Menschheit völlig einmalig ist. Es ist, glaube ich, eine Art von Experiment, das uns in Zukunft — vor allem in unserer ökologischen Zukunft — wieder begegnen wird. Vielleicht ist jetzt eine, wie man es am Theater nennt, ‘Durchlaufprobe’. Wir erhalten Gelegenheit uns zu fragen, ob wir wirklich immer weiter beschleunigen müssen, ob wir das ganze Zeug wirklich brauchen und ob es wirklich aufs ‘Gewinnen’ und den Gewinn ankommt. Durch die eingeschlagene Dämpfungsstrategie im Umgang mit dem Virus werden wir für längere Zeit sehr veränderte Lebensumstände haben. Wir können uns neu orientieren, haben Zeit, ein paar neue Gewohnheiten zu bilden und ein paar alte einfach abzulegen; Zeit auch, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen und unsere Gemeinsamkeiten in Blick zu nehmen anstatt der Unterschiede.

Wenn die Not wirklich groß wird, könnten durchaus die egoistischen Überlebensreaktionen wieder die Oberhand gewinnen und das Experiment zum Scheitern bringen. Aber wir haben es begonnen, und es hat bereits erstaunlich viele Augenblicke dieses tieferen Gemeinschaftsgefühls bewirkt.

 

20.3.20: Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat, wie ich eben mitgeteilt bekomme, sehr ähnliche Gedanken in ausführlicherer Form veröffentlicht.

06.03.2020
Propaganda

'Fake News' ist nichts Neues. Man nannte es früher 'Propaganda' und sollte das auch jetzt wieder tun.

(...sagte Daniel Kehlmann in einem CNN-Interview gerade eben.)

30.01.2020
Hautfarbe

Eine der Blüten am Strauch der akademischen Absonderlichkeiten ist "Critical Whiteness". In einem Artikel der FAS vom 26.1.2020 wird sie beschrieben.

Der Autor, Justus Bender, vertritt die Auffassung, dass die Hautfarbe keine Rolle spielen sollte und die Bayreuther Professorin Susan Arndt meint dazu:

Da hake ich schon ein. Erst mal schon bei dem Wort 'Hautfarbe'. Die 'Hautfarbe' ist eine Erfindung des Rassismus.
[...]
Wenn ich sage, mir sind 'Hautfarben' egal, negiere ich als weiße Person, dass es Rassismus gibt
[...]
In meiner Definition kann Rassismus nicht von Schwarzen ausgehen. [...] Wer hat Rassismus erfunden? Das waren die Europäer [...]

Dazu in Kürze: Die Hautfarbe als sichtbares Unterscheidungsmerkmal wird mit sozial konstruierten Attributen belegt. Diese werden als rassistisch bezeichnet, aber nicht in dem Sinne, dass der Rassismus sie erfunden habe und also schon vorher bestand, sondern so, dass der Rassismus aus ihnen besteht. Nicht negativ betroffen sind davon diejenigen, die die Attribute konstruieren, durchsetzen und sich selbst positive Attribute zuschreiben: im vorliegenden, aber nicht in allen Fällen, die Weißen. Wenn diese nun alte Konstrukte zurücknehmen wollen, indem sie sagen, die Hautfarbe spielt keine Rolle und sich so zu verhalten bemühen, man ihnen dann aber vorhält, sie würden damit nur leugnen, dass der Rassismus existiert, dann wird präskriptiv jede soziale Veränderung ausgeschlossen. Soziale Konstrukte müssen sich aber ändern und sie tun das auch. Rassismus besteht nicht unabhängig von ihnen und ganz sicher nicht nur als europäische Erfindung. Hier beginnt die Sache ernsthaft schiefzugehen und wir betreten das weite Feld neo-konstruktivistischer Ideologie.

2016 stand, so berichtet der Artikel, in der Huffington Post:

Farbenblindheit [d.h. das Nicht-Beachten der Hautfarbe] ist eigentlich rassistisch. [...] [Sie] beraubt nichtweiße Menschen ihrer Einzigartigkeit. [...]
Farbenblindheit unterdrückt sehr wichtige Erzählungen von Unterdrückung.

Genau. Wovon soll man auch sonst den ganzen Tag erzählen und vor allem Bücher schreiben, wenn man schon dermaßen weggetreten ist, dass man Menschen auf die Hautfarbe als Kriterium der Einzigartigkeit reduziert.

Und Frau Peggy Piesche, ihres Zeichens Referentin der Bundeszentrale für politische Bildung, schreibt dem Autor hinter die Ohren:

Das ist Ihre Welt als weißer, heterosexueller Mann. Das ist Ihre Verantwortung, sich dem zu stellen, dass Sie durch die Welt laufen und den moralischen Universalismus genießen. Jede andere Person bekommt Signale, dass sie nicht dazugehört.

Damit wir uns das gut merken, gibt es jetzt wohl (allen Ernstes!) wieder rassisch getrennte Veranstaltungen. Da freuen sich die Nazis: haben wir schon immer gesagt. Ja, sagen die Professorinnen und Referentinnen, aber wir machen das, damit sich die weißen, heterosexuellen Männer schuldig fühlen, unentrinnbar, verdammt in alle Ewigkeit, egal, was sie tun. Da freuen sich die Pastoren der Fachrichtung Feuer und Schwefel: haben wir schon immer gesagt.

(Es erübrigt sich fast, zu erwähnen, dass das natürlich aus genau derselben Ecke kommt wie der Gender-Unfug.)

18.01.2020
Würste

Es gibt einen schwäbischen Spruch, der eine der Grundlagen kapitalistischen Wirtschaftens beschreibt:

"Was i Würscht fressa muaß, dass d'Kindr von de Häut satt werdat."

Auf neudeutsch: Trickle-Down-Ökonomie. Nur kommt die viel zu selten gewürdigte Aufopferung der Wurstfresser im Schwäbischen besser zur Geltung.

17.01.2020
Gottverlassenheit

Der emeritierte Papst Ratzinger veröffentlichte am 11.4.2019 im Klerusblatt einen Aufsatz zum sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche. Die Presse machte ihm danach ein paar Tage lang die Hölle heiß. Mir war das bedauerlicherweise entgangen; jetzt muss ich sozusagen nachheizen.

Beginnen wir damit, wovon in dem Aufsatz nicht die Rede ist. Nicht die Rede ist von den Leiden der Opfer. Nicht die Rede ist von Reue, Wiedergutmachung und der an die Opfer gerichteten Bitte um Vergebung. Und nicht die Rede ist von Verbrechen, vom Strafgesetzbuch und von der Zuständigkeit weltlicher Gerichte.

Halt. Doch. An einer Stelle wird die Qual des Opfers erwähnt:

Eine junge Frau, die als Ministrantin Altardienst leistete, hat mir erzählt, daß der Kaplan, ihr Vorgesetzter als Ministrantin, den sexuellen Mißbrauch, den er mit ihr trieb, immer mit den Worten einleitete: "Das ist mein Leib, der für dich hingegeben wird." Daß diese Frau die Wandlungsworte nicht mehr anhören kann, ohne die ganze Qual des Mißbrauchs erschreckend in sich selbst zu spüren, ist offenkundig. Ja, wir müssen den Herrn dringend um Vergebung anflehen und vor allen Dingen ihn beschwören und bitten, daß er uns alle neu die Größe seines Leidens, seines Opfers zu verstehen lehre. Und wir müssen alles tun, um das Geschenk der heiligen Eucharistie vor Mißbrauch zu schützen.

Die Geistlichen sollen doch bitte vor allem die Eucharistie nicht missbrauchen, und wir müssen den Herrn um Vergebung bitten und sein Leiden verstehen. Ich habe noch selten einen so wohlgesetzten Ausdruck der Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen gelesen.

Es kommt aber noch besser.

[...] die Kirche [wird] heute weithin nur noch als eine Art von politischem Apparat betrachtet. Man spricht über sie praktisch fast ausschließlich mit politischen Kategorien, und dies gilt hin bis zu Bischöfen, die ihre Vorstellung über die Kirche von morgen weitgehend ausschließlich politisch formulieren. Die Krise, die durch die vielen Fälle von Mißbrauch durch Priester verursacht wurde, drängt dazu, die Kirche geradezu als etwas Mißratenes anzusehen, das wir nun gründlich selbst neu in die Hand nehmen und neu gestalten müssen. Aber eine von uns selbst gemachte Kirche kann keine Hoffnung sein.

Die römische Kirche ist spätestens seit dem Jahr 380 ein politischer Apparat. Kreuzzüge, Canossa, Fürstbischöfe — man weiß wirklich nicht, wo man anfangen soll. Ich halte den Gedanken, dass diese Kirche nicht von Menschen gemacht wurde, für blasphemisch, denn er macht Jesus Christus als Sohn Gottes zu einem Idioten. Daher liegt — wie in anderen Lebensbereichen auch — alle Hoffnung gerade darin, unsere Fehler zu korrigieren.

Weiter unten im Text werden Reformen aber noch einmal kategorisch ausgeschlossen und der Teufel hat seinen Auftritt:

Es geht heute in der Anklage gegen Gott vor allen Dingen darum, seine Kirche als ganze schlechtzumachen und uns so von ihr abzubringen. Die Idee einer von uns selbst besser gemachten Kirche ist in Wirklichkeit ein Vorschlag des Teufels, mit dem er uns vom lebendigen Gott abbringen will durch eine lügnerische Logik, auf die wir zu leicht hereinfallen.

Also aufgemerkt, ihr Protestanten und Muslime und was da sonst noch herumläuft: Die Abkehr von der katholischen Kirche ist immer eine Abkehr von Gott!

Jetzt aber zur wichtigsten Frage: Wer ist schuld?

Zu den Freiheiten, die die Revolution von 1968 erkämpfen wollte, gehörte auch [die] völlige sexuelle Freiheit, die keine Normen mehr zuließ. Die Gewaltbereitschaft, die diese Jahre kennzeichnete, ist mit diesem seelischen Zusammenbruch eng verbunden. In der Tat wurde in Flugzeugen kein Sexfilm mehr zugelassen, weil in der kleinen Gemeinschaft der Passagiere Gewalttätigkeit ausbrach. Weil die Auswüchse im Bereich der Kleidung ebenfalls Aggression hervorriefen, haben auch Schulleiter versucht, eine Schulkleidung einzuführen, die ein Klima des Lernens ermöglichen sollte.

Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, daß nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde.

Ja, ich kann mich an den seelischen Zusammenbruch damals gut erinnern. Sex macht gewalttätig — die katholische Neurobiologie hat inzwischen herausgefunden, dass dabei das Aggressionshormon Oxytocin ausgeschüttet wird. Das mussten die armen Priester dann ausbaden. Wir haben ihnen eingeredet, dass Pädophilie völlig OK ist, wir aber selber keine Zeit dafür haben und das leider 'outsourcen' müssen. Schließlich waren wir dauernd unterwegs auf irgendwelchen Flügen: Sexfilme gucken bis ein Auswuchs im Bereich der Keidung entsteht und dann alles kurz und klein schlagen.

Er ist jetzt 92, der Papst Ratzinger. Und auch sonst ganz der Alte.

13.12.2019
Parlamentswahlen

Fool Britannia! Britannia ruled by knaves.

07.12.2019
Meinungen

Im September wurde der Grünen-Abgeordneten Renate Künast vom Berliner Landgericht bescheinigt, dass übelste Beschimpfungen in den asozialen Medien als Meinungsäußerungen hinzunehmen seien.

Vor ein paar Tagen nun wurde dieses Urteil — ebenfalls vom Berliner Schandgericht — in einem Punkt revidiert: Einer der "Nutzer ohne Klarnamen" habe nämlich in einem Tweet eine "unwahre Tatsachen­behauptung" verbreitet und Twitter müsse deshalb in diesem Fall seine Identität preisgeben.

Beleidigungen sind also nach wie vor völlig OK. Es wäre nur besser, seine Notdurft im Internet ohne jede Tatsachen­behauptung zu verrichten. Tatsachen braucht eh keiner mehr. Meinungen hingegen sind gefragt und richterlich abgesegnet als Ausdruck des gesunden Volksempfindens in Gestalt der stammhirngesteuerten verbalen Vernichtung eines Menschen.

Man wird doch noch seine Meinung sagen dürfen.
Man wird doch noch ein paar Flüchtlinge absaufen lassen dürfen.
Man wird doch noch ein paar Asylantenheime anzünden dürfen.

17.09.2019
Besinnunglosigkeit

Josef Rabenbauer, ein sehr guter Freund von mir hat mit seiner Lebensgefährtin Simone Regina Adams zusammen eine Website aufgemacht: freitagsplastikfrei.de. Dort findet sich viel Lesenswertes, unter anderem eine Erwiderung auf einen Artikel von Darrick Evensen, dessen Argumentation bezüglich Greta Thunberg und FridaysForFuture auch ich noch einmal kommentieren will, weil sie eine besondere Form von Besinnungslosigkeit vorführt, die darin besteht, kurz vor einem hereinbrechenden Tsunami noch eben schnell den Esstisch ordentlich zu decken.

Evensen schreibt:

Diese Kinder und Jugendlichen sind Helden. Aber ihre Botschaft ist nicht ausgegoren, und ihr fehlen notwendige Nuancen.

Ja, die Nuancen. Die Natur wird uns das vormachen, damit wir’s lernen. Der steigende Meeresspiegel wird nuanciert um bestimmte Ortschaften und das Weltkulturerbe herumfließen. Die 42 Grad im Sommer werden in der Umgebung von Altersheimen und Krankenhäusern nicht stattfinden.

Mit ihrem wichtigsten Slogan unterstellen die Schülerinnen und Schüler fälschlicherweise, dass die Wissenschaft selbst uns sagen kann, wie Menschen handeln sollten.

“Natürlich kann sie das”, schreibt Simone in ihrer Erwiderung ganz zu Recht.
Wenn jemand mit 100km/h auf eine 50cm dicke Betonwand zufährt, dann kann man mit Sicherheit sagen, das er den Aufprall nicht überleben wird. Man kann ferner genau den Zeitpunkt ermitteln, ab dem Bremsen keinen Zweck mehr hat. Jetzt zu behaupten, die Wissenschaft könne uns nicht sagen, was wir zu tun hätten, ist also gleichbedeutend damit, dass wir uns vorbehalten, ob wir unsere Lebensgrundlagen sichern wollen oder lieber nicht.

In einem weiteren von Simone angeführten Artikel (aus der NY-Times) schreibt ein gewisser Christopher Caldwell, dass Kinder wie Greta Thunberg ja noch nicht viel vom Leben gesehen hätten und ihre Ansichten deshalb unrealistisch seien.

Kids her age have not seen much of life. Her worldview might be unrealistic, her priorities out of balance.
[…]
Those who read the United Nations reports and tut-tut but fail to take to the streets might be less resolute — but they might simply disagree, or have other priorities.
Democracy often calls for waiting and seeing. Patience may be democracy’s cardinal virtue. Climate change is a serious issue. But to say, “We can’t wait,” is to invite a problem just as grave.

Das ist hirnerweichend. Wenn einer, der alt genug ist, viel von der Welt gesehen zu haben, auf den Gleisen steht und einen heranrollenden Güterzug für unrealistisch, undemokratisch und eine Frage der Einschätzung und der Geduld hält, dann wäre die Erkenntnis hilfreich, dass der Kindermund, der da dringend ruft, vom Gleis zu gehen, doch vielleicht etwas Wichtiges kundtut und einem selbst vom vielen Sehen das Sehen des Wesentlichen abhanden gekommen ist.

31.08.2019
Revolution

Roger Hallam, einer der Gründer von Extinction Rebellion, wurde von einem BBC-Journalisten gefragt, ob er — Hallam — denn nicht etwa ein Revolutionär sei. Er antwortete, dass das kapitalistische System dabei sei, sich selbst abzuschaffen und es deshalb keine Revolutionäre bräuchte.

• Die Klimarevolution besteht tatsächlich darin, dass einfach alles beim alten bleibt, bis nichts mehr bleibt. Sie hat längst begonnen.

• Naturgesetze sind keine gutgemeinten Vorschläge oder Verordnungen, die am Tage nach ihrer Verkündung in Kraft treten und vom Bundes­verfassungs­gericht gekippt werden können.
Sie gelten immer und überall und sie sind in keiner Weise verhandelbar.

• Naturgesetze sagen, was geht und was nicht geht. Was wir machen, geht nicht, bzw. es geht nur insofern, als wir uns damit selbst aus dem Weg räumen.

• Die Aufklärung hat uns auch in Gestalt von Naturwissenschaft, Technik und Berechenbarkeit aus der Angst vor dem Ausgeliefert-Sein geführt. Jetzt haben wir ihre humanistischen Anteile vergessen und liefern uns gerade durch die Technik (im kapitalistischen Rahmen) dem Abgrund aus. "Die vollends aufgeklärte Welt strahlt im Zeichen triumphalen Unheils" schrieben Horkheimer und Adorno zu Zeiten der Atombombe; es gilt auch jetzt. Unser Leitspruch ist: Wir sollen nicht, aber wir können, also werden wir.

• Gier und Bequemlichkeit sind zu Tugenden geworden, die unser Leben antreiben. Wir bestellen alle Größen beim Online-Handel, und schicken alles, was nicht passt, zurück. Steuern zahlen die, die zu blöd sind, keine zu zahlen. Wir geben bedenkenlos unsere persönlichen Daten preis, weil Amazon und Facebook bequem und gratis sind und wir das Zwischenmenschliche durch das Zwischen-Digitale ersetzt haben. Geld wird in einer Weise vermehrt, die mit der Produktion sinnvoller Güter und dem Geld als Tauschmittel nichts mehr zu tun hat, sondern nur noch mit seiner Anhäufung. Wozu braucht irgendein Mensch ein paar Milliarden auf dem Konto?

• Wenn dann doch ein Unbehagen entsteht, suchen wir Schuldige und vor allem einen, der es richtet. Im Normalfall ist das irgendein Gangster. Den wählen wir dann.

31.08.2019
Vorschläge

Es ist schier unglaublich, aber Teile der CSU machen halbwegs vernünftige Vorschläge zur Klimakatastrophe. Vor ein paar Tagen regte Alexander Dobrindt unter anderem eine Steuer auf Billigflüge an, damit die Leute Bahn fahren. Sofort ruderte der Generalsekretär zurück:

Generell gilt: Die CSU ist eine Steuersenkungs- und keine Steuererhöhungspartei.

Und der "Luftfahrtbeauftragte" der CDU meinte:

Wir haben im Koalitionsvertrag verabredet, keine Steuern zu erhöhen. Man muss auch genau prüfen, ob eine solche Regelung nicht dazu führt, dass Flieger einfach leerer fliegen und Menschen mit kleinem Einkommen Mobilität verlieren, ohne dass CO2 eingespart wird.

Wir sollten jetzt mal verabreden, dass das Klima einfach wieder gut wird. Und dass wir genau prüfen müssen, ob Billig-Airlines ihre Flieger auch leer herumfliegen lassen würden. Und ob Menschen mit kleinem Einkommen nur ihre Mobilität verlieren, wenn wir so weitermachen.

23.08.2019
Marshmallows

In den 1960er Jahren machte der Psychologe Walter Mischel eine Serie von Experimenten, in denen er vier- bis fünfjährigen Kindern ein Stück Schokolade oder ein Marshmallow präsentieren ließ mit der Anweisung, sie dürften es jederzeit essen, während die Versuchsleiterin den Raum für einige Minuten verließ; wenn sie es aber schafften, die Süßigkeit bis zu ihrer Rückkehr nicht zu essen, bekämen sie ein zweites Stück dazu. Viele Kinder unternahmen enorme — und häufig erfolgreiche — Anstrengungen, die teilweise so drollig sind, dass die Videos über die zahlreichen späteren Wiederholungen des Experiments ein Hit auf Youtube wurden.

Und wie machen die Großen das? Wir fressen das Süße sofort auf. Dann fangen wir an, nach den anderen Süßigkeiten zu suchen und verwüsten das Labor und die angrenzenden Räumlichkeiten, soweit wir halt kommen. Wir würden gegebenenfalls auch nicht davor zurückschrecken, die Nicht-Herausgabe der Süßigkeiten einen kriegerischen Akt zu nennen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Als allererstes würden wir den Unentschlossenen ihre Marshmallows abnehmen.

Wir zünden unser Haus an, weil wir einen Ochsen braten wollen. Über die Fortschritte des Bratens und Fressens wird in Börsensendungen im Fernsehen berichtet. Dass das Haus nachher weg ist, halten wir für ein Gerücht und dass wir gut daran täten zu löschen, für eine Zumutung.

Was geht da schief, dass aus vernünftigen Fünfjährigen völlig verblödete Erwachsene werden?

10.08.2019
Ausnahmsweise auf englisch.
Es geht um die Zustände in meinem
Schwiegervaterland.
Pioneers

American pioneers ventured out 'West', and Washington was far away. So they were on their own. The Federal government was supposed to send the cavalry when Indian attacks became too much to handle, but that was about it. The pioneers took pride in being on their own: We don't need Washington to tell us what to do. We do things our own way.

They still think that. They want Federal authorities to stay out of their business (a similar phenomenon is developing in the European Union, where Brussels is far away…). So they will vote for a president who is least likely to interfere. And they want to keep their arms because, like in the old days, they want to be able to defend themselves. Against rattlesnakes and coyotes and everything else that is not White and not Christian.

American democracy has been rather violent from the beginning. Violent and flawed: The declaration of independence talks about all men being created equal, having inalienable rights, the right to life, liberty, and the pursuit of happiness. And a truly wonderful constitution was crafted accordingly. All that took place while the indigenous population was being exterminated and while there was slavery. Obviously, not all men were created equal after all — or perhaps they were not human to begin with, a conclusion that is almost inevitable to avoid a logical breach. This fundamental rift has never been healed; it goes on from there:

•  “Every citizen can become president of the United States”. Except for the 95% who are not rich enough to afford even the Primaries.
•  Evangelical doctrine is rife with battles, spiritual warfare, Armageddon, the End Times. Great emphasis is placed upon the Revelation of John (a thoroughly vile and psychotic book which even Luther disliked intensely). One particularly disconcerting phenomenon, worse even than Scientology, is The Fellowship, AKA The Family, which organizes the yearly National Prayer Breakfast — attended by each and every president since Eisenhower. It wields enormous political influence in a semi-clandestine way and idealizes power, including the power of Hitler and Stalin.
•  And while all this evangelical righteousness is going on, there is the world's largest porn industry, in complete defiance of the moral surface, and in complete compliance with its deeper structure (1). There is also the death penalty, the highest number of incarcerations per capita in the world, and the highest rate of death by firearms in any industrialized country. The war on crime produces more of it.
•  The Civil War is still not over. Racism is running rampant. Like the violence, it permeates everything. The Confederate flag is flown publicly. If you are black, you run a very high risk of being jailed or murdered.
•  Economy, in a pioneer's view, is competition to the point of warfare. Warren Buffett said something to that extent (2), and he is right. These economic pioneers are not in Alabama, but in California and on Wall Street, yet it is much the same spirit. Until very recently, the motto of Facebook was "Move fast and break things", an almost outright declaration of war. This strategy, combined with technical intelligence, stamina, and courage, will overcome all sorts of obstacles and create enormous technological, scientific, and economic progress. And, in the process, it kills civilization. The general dream is that if you work very hard and never give up, you will be rich and therefore (!) successful. It is a dream because for most Americans reality is (and has been) quite different, but a lot of people, especially the pioneers, prefer to go with the dream as they did back then.
•  Mass murder with high powered assault rifles happens regularly and more often than anywhere else. The simple solution of banning automatic weapons of war is out of the question. Instead, politicians helplessly offer "prayers for the victims and their families". The refusal to remove weapons of war from a civil society means that there is none: instead, there is a state of perpetual war or preparedness for it. Pioneering never stops.

Of course, there are other Americans, and they are at least as numerous as the pioneers. They are at odds with the pioneers, and here, too, the rift is deep. Like most Europeans, they find it incomprehensible, for instance, that the pioneers reject Public Federal Health Care on the grounds that it is none of Washington's business even if they run a serious risk of being financially ruined by medical expenses.

American civilization, the Pax Americana, has been exported to much of the world, like the Pax Romana 2000 years earlier, each commanding far and away the most powerful military that the world had ever seen in the respective ages, combined with extremely effective agencies of cultural dissemination. Military and cultural hegemony created the empires. The (Western) Roman Empire came down after roughly a thousand years. It won't take anywhere near as long for the American, because we have reached a stage of global choices and consequences. We are extremely ingenious in technical and scientific matters and at the same time we are hopelessly behind in terms of our social and moral intelligence. The real danger is that adult technology of global potential (!) is now in the hands of children who have somehow failed to grow up for the past few thousand years.


(1) cf: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno (1944/1947): Dialectic of Enlightenment (Dialektik der Aufklärung)
(2) “There is class warfare all right, […] but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.” NY Times, 11-26-2006

24.07.2019
Blondi

Die Tories wollten unbedingt auch so einen. Als ob sie an ihrem Brexit noch nicht genug hätten. Wie der in Washington schert sich auch dieser einen Dreck um irgendetwas oder irgendjemand außer ihm selbst. Polly Toynbee schreibt im Guardian über ihn:

[...] unfit for every office he has held
[...] snake oil [...] optimism
[...] rotten-to-the-core character
[...] unsafe at any speed
[...] charlatanry with bravado

[He] will be a nation-shamingly bad prime minister, but these Tories think that’s a price worth paying for their seats.

Es ist schon erstaunlich, wie schnell aus traditionsreichen konservativen Parteien in den USA und Großbritannien nationalistische Misthäufen werden. Man muss es der CDU/CSU in unserem Land zugute halten, dass sie dieser Versuchung nicht erlegen ist.

24.06.2019
DÄT 122

In Münster fand vom 28. bis 31.5. der 122. Deutsche Ärztetag statt. Mehr gibt's diesmal nicht zu erzählen ohne dass ich mich genau so wiederhole, wie es die Delegierten tun.


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