Therapeutische Elemente
PsyonPraxisTherapeutische Elemente → Systemisches Differential
‘Systemisches Differential’


Viele Adjektive verwenden wir nicht in ihrer physikalisch-beschreibenden (denotativen), sondern einer mehr emotional getönten, metaphorischen (konnotativen) Bedeutung. Beispielsweise charakterisieren wir jemanden, indem wir sagen, er habe eine "harte Schale" und einen "weichen Kern".

Im Jahre 1957 veröffentlichten Charles Osgood und Mitarbeiter eine Studie, in der sie faktorenanalytisch untersuchten, auf welche Dimensionen sich adjektivische Gegensatzpaare hinsichtlich ihrer Konnotationen reduzieren lassen. Sie fanden drei grundsätzliche Faktoren, die orthogonale Achsen in einem so umspannten "semantischen Raum" sind:

  • Activity: aktiv – passiv
  • Evaluation: positiv – negativ
  • Potency: stark – schwach

Ihr Verfahren nannten sie das Semantische Differential. Im deutschen Sprachraum wurde es von Hofstätter als Polaritätsprofil bekannt gemacht.

Neben vielen anderen Anwendungsmöglichkeiten kann nun dieses Semantische Differential diagnostisch und therapiebegleitend dazu verwendet werden, als projektiver psychologischer Test Auskunft über die Art und Weise zu geben, in der wir die Menschen unserer unmittelbaren Umgebung (und uns selbst in Beziehung zu ihnen) einschätzen.

In der Klientenzentrierten Therapie wird das Semantische Differential gelegentlich eingesetzt, um zum Beispiel Unterschiede des Selbstbildes zum Ideal-Selbst zu beschreiben. In einem systemischen Kontext sind die Möglichkeiten wesentlich weiter gespannt.

Dazu werden zwei Skalen auf ein Blatt Papier gedruckt. Das Blatt wird in der Mitte gefaltet, so dass beide Skalen 'unabhängig' voneinander ausgefüllt werden können. Die Skalen enthalten zunächst die von Osgood et al. gefundenen Hauptfaktoren, und danach weitere Adjektiv-Paare, die zur konnotativen und emotionszentrierten Beschreibung einer Person verwendet werden können. (Im traditionellen semantischen Differential werden siebenstufige Skalen verwendet; ich verwende hier 10-stufige. Beide reichen aus, um im Sinne einer Likert-Skalierung ggf. parametrische Berechnungen durchführen zu können.)

Fragestellungen in der Systemischen Therapie sind etwa folgende:

  • Wie haben Sie Ihre Mutter erlebt? Und wie Ihren Vater?
  • Wie, glauben Sie, werden Sie von Ihrer Mutter gesehen? Und von Ihrem Vater?
  • Wie, glauben Sie, sieht Ihre Mutter den Vater? Und der Vater die Mutter?
  • Wie sehen Sie sich selbst? Und wie, glauben Sie, sieht Sie Ihr Partner?
  • Wie sehen Sie sich selbst? Und wie sehen Sie Ihre Frau?
  • Wenn ich Ihren Sohn fragte, wie er Sie sieht, was würde er antworten? Was würde Ihre Frau denken, wie der Sohn Sie sieht?

Sehr viele Elemente des 'Zirkulären Fragens' können so abgebildet werden. Das Verfahren ist je nach Fragestellung in der Therapie völlig frei kombinierbar und es liefert eine Möglichkeit zur einfachen schriftlichen Dokumentation solcher Fragestellungen.

Den Fragebogen zu diesem Verfahren finden Sie hier:

Pdf Fragebogen Systemisches Differential



Literatur:
· Osgood, C.E., Suci, G.J., Tannenbaum, P.H. (1957): The Measurement of Meaning. Urbana: Univ. of Illinois Press.
· Hofstätter, P.R. (1957): Gruppendynamik. Hamburg: Rowohlt (rde).